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Dieses Gespräch wurde im Wiener Stadtmagazin FALTER im November 2003 abgedruckt. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Günter Kaindlstorfer.
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schrifltiche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Herr v. Bülow, sind die Deutschen wirklich so humorlos, wie Briten, Österreicher und die Angehörigen anderer Nationen so gerne behaupten?

Das kann man so nicht sagen. Die Deutschen haben durchaus gewisse humoristische Traditionen, allerdings spielt der Humor bei uns im Alltag keine so zentrale Rolle wie beispielsweise in Großbritannien oder auch in Österreich. Denken Sie nur an die dramatischen Künste: Ein Engländer wird einen Komiker oder einen Humoristen genauso hoch achten wie einen Tragöden. Ganz anders die Deutschen: Fragen Sie mal einen Theaterbesucher in Hamburg oder Oldenburg, was ihm wichtiger ist, die Komödie oder die Tragödie. Was wird er sagen? Die Tragödie.

Interview mit Loriot

Warum ist das so?

Ich weiß es nicht. Das lässt sich im Grunde schon in der Weimarer Klassik beobachten: Schiller war ein durch und durch humorloser Mann, im Gegensatz zu Goethe, der Komisches durchaus zu schätzen wusste. Ich würde sagen: Im Prinzip haben die Deutschen durchaus einen gewissen Humor - nur rangiert er in ihrer Werteskala nicht an oberster Stelle.

In Städten wie München oder Berlin gibt es doch reiche humoristische Traditionen: Ich sage nur: Karl Valentin, oder Kurt Tucholsky.

Da erwähnen Sie zwei große Könner. Es ist kein Zufall, dass beide, Tucholsky wie Valentin, in einer Großstadt gelebt und gearbeitet haben. Die Bürger verschiedener Großstädte, und seien sie von ihrer Mentalität her noch so unterschiedlich, haben in der Regel mehr Gemeinsamkeiten als ein Großstädter und, sagen wir, ein Mensch vom flachen Land. Die Berliner Schnoddrigkeit etwa, die findet man in leichten Abstufungen auch in anderen Großstädten, in Wien beispielsweise. Ein Wiener Taxifahrer und ein Taxifahrer aus Berlin haben von ihrer Mentalität her frappierende Ähnlichkeiten. Wobei man eines sagen muss: Die berühmte Schnoddrigkeit der Berliner, die den Menschen in Bayern oder Baden-Württemberg so sehr auf die Nerven geht, diese Schnoddrigkeit ist natürlich in erster Linie eine Erfindung der Operette. In Wirklichkeit sind die Berliner ziemlich langsam. Sie denken schnell, das mag sein, aber sie reden langsam und bedächtig. Man sollte den Operettenklischees da nicht blindlings vertrauen.

Was ist Ihre Definition von Komik?

Zur Komik gehört eine gewisse Fallhöhe. Wenn jemand eine Sache ernst anlegt und sie misslingt, dann entsteht Komik.

Die berühmte Brandrede über die deutsche Nudel, die eine Ihrer Figuren im Parlament hält.

Ja, wenn jemand vor dem deutschen Bundestag über die qualitative Überlegenheit der deutschen Breitbandnudel spricht, dann wirkt das komisch. Oder, banaler, wenn ein Staatspräsident mit feierlicher Miene über den roten Teppich schreitet und dabei ausgleitet, dann lachen wir. Wir können gar nicht anders.

Verstehe ich Sie richtig, es gehört auch so etwas wie Schadenfreude dazu?

Durchaus. Wobei mir eines immer wichtig war: Komik, wie ich sie verstehe, hat immer mit Selbstironie zu tun, sonst fehlt etwas. Man muss sich selbst miteinbeziehen.

Ist der Beruf des Komikers eigentlich anstrengend?

O, doch, und wie! Das Herstellen von Komik ist harte Arbeit, eine Schufterei. Ein Film wie "Pappa ante portas" funktioniert nur, wenn alle Kleinigkeiten stimmen. Die Kollegen vom tragischen Fach haben es da einfacher: Jemand ertrinkt, die Hauptfigur wird erschossen, ein Kind entgeht in letzter Sekunde dem Erfrierungstod - da kommt es nicht drauf an, ob man hinten noch drei Sekunden Nachdenkpause lässt. Eine Pointe aber hängt entscheidend vom Timing ab.

Für Sie ist die Erzeugung von Komik Präzisionsarbeit?

Absolut. Manche Leute sagen mir eine gewisse Penibilität nach. Ich gestehe es ganz offen ein: Diese Leute haben recht. Bei der Arbeit bin ich wirklich penibel.

Loriot, der Preuße!

Ich bekenne mich zu meinen preußischen Wurzeln. Ich bin als Preuße geboren, ich habe das Preußische sozusagen im Blut. Das definiert man für sich nicht neu. Man ist da hineingeboren, damit hat man sich damit abzufinden.

Preußische Untugenden haben auch viel Unheil angerichtet im Lauf der letzten 150 Jahre.

Das ist richtig, das will ich gar nicht abstreiten. Dennoch bin ich stolz auf meine Geburtsstadt Brandenburg, ich bin auch stolz auf das Land meiner Herkunft. Dabei will ich allerdings nicht abstreiten, dass ich gelegentlich betroffen gewesen bin über das Unheil, das dieses Land im Lauf der Geschichte immer wieder angerichtet hat. Nur: Welches Land hätte im Lauf der Jahrhunderte nicht mancherlei Unheil angerichtet? Ich will das Preußentum nicht auf seine negativen Seiten reduzieren.

Wo sehen Sie das Positive?

Es gibt auch fortschrittliche Aspekte: Friedrich der Große zum Beispiel war der Erste, der die Leibeigenschaft und die Folter abgeschafft hat. Das waren große und kühne Reformen für seine Zeit. Außerdem hat der preußische Staat ein nachgerade vorbildhaftes Beamtentum entwickelt. Gegen Bestechung und Korruption war die preußische Beamtenschaft über Jahrhunderte hinweg immun. So etwas war nicht selbstverständlich. Also, der preußische Staat war in manchem durchaus vorbildlich. Nur haben die Preußen halt auch manchen Krieg vom Zaun gebrochen, und die sprichwörtliche preußische Disziplin hat den Nazis das Regieren leichter gemacht, das muss man schon auch sagen. Wenn die Menschen in der Nazizeit aufmerksamer, kritischer und wacher gewesen wären, wenn sie weniger gehorsam gewesen wären, dann wäre der Welt manches erspart geblieben.

Können Sie mit den soldatischen Tugenden des alten Preußen etwas anfangen?

Ich bin wie jeder Mensch durch meine Erziehung geprägt. Mein Vater stammte aus einer alten preußischen Offiziersfamilie. Bis zu seinem Wechsel in die Privatwirtschaft war er Polizeioffizier. So etwas hinterlässt zweifellos gewisse Spuren in der Persönlichkeit eines Menschen.

Wie muss man sich Ihren Vater vorstellen? Als einen Mann, der andauernd die Hacken zusammenknallte?

Das nicht, aber er war zweifellos ein disziplinierter und beherrschter Mensch. Man muss seine Gefühle strikt unter Kontrolle halten - das hat er meinem Bruder und mir eingebläut. Ich durfte ihn zum Beispiel nicht küssen. Männer küssen sich nicht, das gehörte zu seinen Maximen, da war er eisern.

Und Ihre Mutter, durften Sie die küssen?

Meine Mutter starb, als ich sechs Jahre alt war. Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen.

Wie sehen Sie die Figur Ihres Vaters im Rückblick?

Ich habe viel von ihm gelernt über die elementare Bedeutung von Umgangsformen beispielsweise. Er war eine ganz und gar respektable Erscheinung. Eine Tugend wie Selbstbeherrschung war zentral für meinen Vater. Gehen ließ er sich nie. Ich habe ihn selten ohne Krawatte gesehen. Zugleich konnte man sich totlachen mit ihm, er hatte auch ungeheuer komische Seiten. Allerdings muss man sagen: Die Zeit des Militärischen, die mein Vater in gewisser Weise verkörpert hat, diese Zeit ist Gott sei Dank vorbei. Der Krieg spielt heute in den Köpfen der Menschen nicht mehr die Rolle, die er früher in Deutschland einmal gespielt haben mag.

Herr v. Bülow, Sie verkörpern von Ihrem ganzen Habitus her den Idealtyp des konservativen Gentleman. Sind Sie eigentlich ein konservativer Mensch?

Begriffe wie "konservativ" und "progressiv" versuche ich in der Regel zu vermeiden. Ob man will oder nicht, diese Worte sind immer parteipolitisch konnotiert. Aus parteipolitischen Angelegenheiten versuche ich mich strikt herauszuhalten.

Was haben Sie beim letzten Mal gewählt?

Das verrate ich nicht.

Sie sind ein Mann der Mitte?

Manchmal sympathisiere ich mit den politischen Positionen einer Partei, dann wieder gefallen mir mehr die Standpunkte einer anderen. Die Wahrheit ist nie auf einer Seite. Jede Richtung hat ihre positiven Aspekte, das sollte man anerkennen.

Wie kommt es, dass Sie eher als "Konservativer" gelten?

Tue ich das?

Ich erinnere mich an einen "Spiegel"-Artikel, der muss in den späten achtziger Jahren erschienen sein. Da stand sinngemäß: "Die bundesdeutsche Intelligenz steht links. Im Grunde gibt es nur zwei Rechtsintellektuelle im Land: Ernst Jünger und Loriot."

Das kann nur ein Witz sein.

Das stand da tatsächlich.

Ich als "Rechtsintellektueller", da kann ich nur lachen! Also, in dieser Attributierung erkenne ich mich überhaupt nicht wieder.

Sind Sie harmoniersüchtig?

Ich bin davon überzeugt, dass sich die meisten Konflikte in einer rücksichtsvollen und von gegenseitigem Respekt geprägten Atmosphäre beilegen lassen. Man muss nicht wie ein Irrer rumbrüllen, um seinen Standpunkt durchzusetzen.

Sie wirken sehr ruhig, sehr gelassen. Kennen Sie so etwas wie Stress?

Um Stress zu haben, habe ich zu wenig Zeit. Man darf es so weit gar nicht kommen lassen, dass man sich gestresst fühlt. Wenn das passiert, hat man sich mehr vorgenommen, als man leisten kann. Das darf man nicht zulassen.

Leiden Sie unter dem Älterwerden?

Ja, sicher.

Wie gehen Sie damit um?

Ich halse mir weniger auf als früher. In jüngeren Jahren habe ich mitunter gleichzeitig Opernregie geführt, ein paar Zeichnungen angefertigt und einen Film vorbereitet - solch ein Programm mute ich mir heute nicht mehr zu. Das muss ja auch nicht sein. In meinem Alter darf man ruhig etwas leiser treten, finden Sie nicht?

Unser Dank gilt den Interviewern, die uns diese Dokumente spontan und unentgeltlich zur Verfügung gestellt haben.